VHS Henstedt-Ulzburg

Kulturredaktion braucht neue Impulse

Kulturredaktion braucht neue Impulse

Autor: Jochen Brems

Liebe Leserinnen und Leser,

vor nunmehr dreieinhalb Jahren hat unsere Kulturredaktion ihre Arbeit aufgenommen und an dieser Stelle eine Vielzahl von Büchern, Filmen und Theaterevents vorgestellt. Die Redakteur*innen gaben aber auch Veranstaltungstipps, erzählten von ihren ganz persönlichen Ritualen zu Weihnachten und Sylvester oder gaben Anregungen gegen die Langeweile im Lockdown. Wir hatten viel Spaß daran, uns selbst in der persönlichen Rezension zu üben und uns darin vielleicht auch ein klein bisschen weiterzuentwickeln. Allerdings hatten wir auch auf etwas Resonanz „von außen“ gehofft, und damit so etwas wie einen kleinen Kulturdialog in unserer Region anzustoßen. Das hat leider bis heute nicht so wirklich geklappt. Tatsächlich gibt es zwar einige „treue“ Abonnent*innen unseres Blogs, über die wir uns sehr freuen, aber leider so gut wie kein Feedback.

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Und an den Rändern nagt das Meer

Autorin: Mirja Kahle

Und an den Rändern nagt das Meer – eine Meditation in Worten

Wenn man von der bekannten Seehundstation in Friedrichskoog noch etwas weiter nach Westen bis an die Spitze fährt, kann man dort wunderbar Drachen steigen lassen, auf dem neuen Platz Minigolf spielen, leckere Sylter Sahne in Meyer’s Eisbutze kaufen und dann im Strandkorb schlecken, bei gutem Wetter bis Büsum, Cuxhaven und Mittelplate gucken und den Trischendamm die ganzen zweieinhalb Kilometer bis zum Ende spazieren. Und bei klarer Sicht kann man von oben vom Deich auch Trischen selbst sehen, die 14km vor der Dithmarscher Nordseeküste gelegene unbewohnte Vogelinsel.

So unbewohnt ist sie allerdings gar nicht. Zwar besteht zwar tatsächlich offiziell ein Betretungsverbot, da Trischen in der Schutzzone 1 des Nationalparks Wattenmeer liegt. Von April bis Oktober, wohnt dort allerdings der Naturschutzwart des NABU mit einer Ausnahmegenehmigung  in einer Holzhütte auf Stelzen, die man auch ohne Fernglas vom Festland gut erkennen kann.

Als ich im Frühjahr wieder einmal meine Lieblingsbuchhandlung in Henstedt-Ulzburg durchstöberte fiel mir dabei das druckfrisch im Knesebeck Verlag erschienene Buch „Und an den Rändern nagt das Meer“  von Anne de Walmont in die Hände.  Anne de Walmont war 2019 die Vogelwartin auf Trischen. In kurzen Anekdoten nimmt sie ihre Leser mit auf „ihre Insel“, die für sieben Monate ihr Zuhause war.

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Theater-Tipp: „Teemlich beste Frünnen“ im Ohnsorg Theater

Autorin: Ruth Gildemeister

Den berühmten und erfolgreichen Kinofilm „Ziemlich beste Freunde“ unter der Regie der französischen Regisseure Olivier Nakache und Eric Toledano sahen allein in Deutschland 8,5 Millionen Besucher. Er wurde damit im Jahr 2012 zu einem wahren Kassenschlager der Kinos.

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Mareice Kaiser: Das Unwohlsein der modernen Mutter

(Autorin: Lina Samoske)

Als Mareice Kaiser versuchte, ihr zweites Buch an einen Verlag zu bringen, bekam sie erst mal eine Absage. Die Zielgruppe habe zu wenig Zeit und greife ja sowieso eher nicht zum Buch, hieß es darin. Umso schöner, dass „Das Unwohlsein der modernen Mutter“ nun ein Bestseller geworden ist.“ (Berliner Zeitung, 10.05.21).

Und auch dieser Artikel sollte schon längst geschrieben und erschienen sein, aber wie es einer Mutter eben meist ergeht: Es fehlt die Zeit für so Vieles. Frauen und Mütter wollen und tun heute quasi alles, Erwerbs-, Carearbeit und was das Leben eben sonst noch so zu bieten hat. Müssen sie ja nicht, könnte man jetzt sagen. Doch müssen sie!

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Die cineastische Zauberwelt des Christopher Nolan

Die cineastische Zauberwelt des Christopher Nolan

Für diesen Blogartikel konnten wir einen filmbegeisterten Gastautoren gewinnen. André Hanreich ist Grafiker, steht außerdem auf Ästhetik und liebt geschichtliches. Vielleicht lest ihr hier in Zukunft ja noch die ein oder anderen Film- oder Serienrezension von ihm.

 

Autor: André Hanreich

»Jeder Zaubertrick besteht aus drei Akten. Im ersten Teil wird das Thema vorgestellt: der Magier zeigt Ihnen etwas ganz Gewöhnliches (…) Vielleicht bittet er Sie auch darum, es zu inspizieren, damit Sie sehen können, dass es wirklich echt ist, ja, unverfälscht und normal (…)

In der zweiten Phase geschieht der Effekt: der Magier nimmt das gewöhnliche Objekt und lässt damit etwas Außergewöhnliches geschehen. Nun suchen Sie nach den Geheimnissen, aber Sie werden es nicht finden, denn natürlich ist es so, dass Sie nicht wirklich hinsehen; Sie wollen es eigentlich gar nicht wissen. Sie wollen sich täuschen lassen. 

Aber noch applaudieren Sie nicht, denn etwas verschwinden zu lassen, ist nicht genug – man muss es auch zurückbringen. Aus diesem Grund hat jeder Zaubertrick einen dritten Akt, den schwierigsten Teil, das Finale.«

Zitat aus: Prestige – Die Meister der Magie

Großer Geschichtenerzähler

Meine ersten Berührungspunkte mit den Werken von Regisseur Christopher Edward Nolan (Jhrg. 1970) hatte ich Anfang der 2000er mit den Filmen Memento (2000) und Insomnia (2002). Während mich Memento wegen seiner klugen Erzählweise eher sprachlos machte, konnte ich mit Insomnia – einer starbesetzten Neuverfilmung eines norwegischen Thrillers – nicht viel anfangen. Beide stammten von ein und demselben Filmemacher. War Memento ein durch Zufall geglückter Film oder war Insomnia nur ein Produkt einer kurzen Schaffenspause?

 

Gut 20 Jahre und 8 Filme später ist mir bewusst, dass Mr. Nolan für mich einer der größten, wenn nicht sogar der größte Geschichtenerzähler unserer Zeit ist. Als einer der wenigen Autorenfilmer Hollywoods (sämtliche künstlerischen Aspekte wie Drehbuch oder Schnitt bestimmt er grundsätzlich mit) gelingen ihm seit Jahren beeindruckende Werke für die große Leinwand.

Genau wie im oben genannten Zitat baut Nolan sein Filme in verschiedenen Phasen auf. Die Täuschung läuft nebenbei mit, nur um am Ende aus der Torte zu springen. Kein andere Regisseur schafft solche unvorhergesehenen Plot Twists, die aber im nachhinein tatsächlich Sinn ergeben. Ob Prestige – Die Meister der Magie, Inception oder Interstellar. Das Ende ist nie wie erwartet – der Zaubertrick gelungen und das Finale perfekt. Diese Finten machen Nolans Filme aber auch zur Unterhaltung, die nicht einfach so nebenbei geschaut werden kann. Einmal kurz nicht aufgepasst und das Ende des Films hinterlässt fragende Gesichter.

Diese Plot Twist stammen größtenteils aus der Feder von Christophers sechs Jahre jüngeren Bruder Jonathan Nolan. Doch ist auch der Regisseur selbst am Schreibprozess beteiligt. Und um das Ganze letztlich komplett in Familienhand zu halten, werden die Filme von Christopher und seiner Frau Emma Thomas produziert.

Und der Erfolg gibt Ihnen Recht. Nolans Filme sind Blockbuster und begeistern Menschen auf der ganzen Wel

Ob Batman-Trilogie, Tenet oder Dunkirk. Wer die Filme von Christoper Nolan (noch) nicht kennt, dem lege ich einen Streaming- oder DVD-Abend wärmstens ans Herz. Die Filme machen einfach wahnsinnigen Spaß!

Habt ihr bereits Nolan-Filme geschaut? Welches Werk habt ihr gesehen und wie findet Ihr es? Ich freue mich auf eure Kommentare. In einem meiner nächsten Beiträge verrate ich euch dann meinen persönlichen Favoriten und stelle ihn euch näher vor. Seid gespannt.

Bis dahin
euer Andre

 

 

Matt Haig: Die Mitternachtsbibliothek

Matt Haig: Die Mitternachtsbibliothek

(Autorin: Birgit Raguse)

„Zwischen Leben und Tod liegt eine Bibliothek“, sagte sie. „Und diese Bibliothek besteht aus endlosen Regalen. Jedes Buch bietet dir die Chance, ein anderes Leben auszuprobieren, das dir offengestanden hätte. Jedes Buch bietet dir die Chance zu sehen, wie alles gekommen wäre, wenn du andere Entscheidungen getroffen hättest … Hättest du irgendetwas anders gemacht, wenn sich ungeschehen machen ließe, was du heute bereust?“

Neunzehn Jahre, bevor sie beschloss zu sterben.

Siebenundzwanzig Stunden, bevor sie beschloss zu sterben.

Neun Stunden, bevor sie beschloss zu sterben.

Sieben Stunden, bevor sie beschloss zu sterben.

00:00:00

Punkt Mitternacht findet sich die 35jährige Nora in einer Bibliothek mit lauter grünen Büchern wieder, die in endlosen Reihen ohne ein sichtbares Ende auf den Regalen stehen. Und keines von ihnen hat einen Titel oder einen Verfasser auf dem Buchrücken stehen. Nora trifft auf eine Frau, in der sie die Schulbibliothekarin Mrs. Elm erkennt.

Diese erklärt ihr, dass alle diese Bücher ein mögliches Leben von Nora enthalten, wenn sie sich an irgendeinem Punkt anders entschieden hätte.

Was wäre geschehen, wenn sie Olympiaschwimmerin geworden wäre? Was, wenn sie ihren Verlobten nicht vor dem Altar hätte stehen lassen? Oder wenn sie mit ihrer Band den angebotenen Musikvertrag unterschrieben hätte?

Haig, Matt: Die Mitternachtsbibliothek München: Droemer 2021, 318 Seiten ISBN: 9783426282564

In Noras realem Leben hat ihre Angst vor dem Leben alle diese Möglichkeiten verhindert. Und in den letzten Stunden vor ihrer finalen Entscheidung trugen der Jobverlust, der spontane Tod ihrer Katze und ein Treffen mit einem ehemaligen Bandmitglied, der ihr deutlich macht, dass sie für sein schlechtes Leben verantwortlich sei, zu dieser bei. 

„Offenbar hatte Nora nicht einmal für den Tod Talent. Dieses Gefühl, in allem unvollkommen zu sein. Das unvollendete Puzzle eines Menschen. Unvollkommenes Leben und unvollkommenes Sterben. „Warum bin ich denn nicht tot? Warum ist der Tod nicht zu mir gekommen? Ich habe ihn doch geradezu eingeladen! Ich wollte sterben. Aber hier stehe ich und existiere immer noch.“ 

Mit Hilfe des „Buches des Bereuens“ taucht Nora in viele ihrer möglichen Leben ein. Sie besucht ihr Leben an der Seite ihres Mannes. Sie hält einen Vortrag vor vielen Besuchern als ehemalige Olympiasiegerin. Sie verjagt Eisbären auf einer Forschungsreise nach Spitzbergen im Leben mit ihrem Berufswunsch Glaziologin.

Dort trifft sie auf Hugo, der ebenfalls in der Zwischenwelt gefangen ist und ihr von sich und anderen „Slidern“ erzählt.

„Die Viele-Welten-Interpretation der Quantenphysik geht davon aus, dass es eine endlose Zahl verschiedener Paralleluniversen gibt. In jedem Moment unseres Lebens betreten wir ein neues Universum. Mit jeder Entscheidung, die wir treffen.“

Nora stellt fest, dass sie bisher nur Bücher ausgesucht hat, in denen sie das Leben lebt, dass andere sich für sie gewünscht haben. Nun beginnt sie zu begreifen, dass sie sich ihr Leben selbst aussuchen muss.

Der britische Autor Matt Haig hat Erfahrungen mit Depressionen und Angststörungen. In seinen Büchern verarbeitet er diese Themen in Kombination mit Suizid, Familie und der Zeit. Andere Titel seiner Bücher lauten unter anderem „Nachricht von Dad“, „Ich und die Menschen“ und „Wie man die Zeit anhält“. Ihm wird nachgesagt, sein Genre sei düstere Phantastik, insbesondere spekulative Fiktion. Obwohl ich nur dieses Buch von ihm gelesen haben, kann ich das nur bestätigen. So schnell, wie mich das Buch in seinen Bann zog, so schnell fühlte ich mich irgendwie unwohl. Die Protagonistin ist ständig auf der Suche, fühlt sich fehl im Leben, und auch die Leben aus den Büchern sind unvollkommen. Sie landet dort im heute, mittendrin, aber ohne jegliche Erinnerung, wie sich ihr Leben bis dahin entwickelt hat.

Das Thema des Buches hat mich ständig dazu angeregt, meine eigenen Entscheidungen zu überdenken und mir auszumalen, welchen Weg mein eigenes Leben hätte einschlagen können.

Daneben ist das Buch gespickt mit philosophischen Aussagen, in der Hauptsache von Henry David Thoreau. Dies ist begründet aus dem Lebenslauf der Protagonistin, die Philosophie studiert hat. Ebenso gibt es zahlreiche fundierte wissenschaftliche Aussagen, die den jeweiligen Leben angepasst sind. 

Diese Kombination macht „Die Mitternachtsbibliothek“ zu etwas Besonderem. Es kann jedem ans Herz gelegt werden, der sich fiktiv mit alternativen Lebenswegen auseinandersetzen mag, ohne zu wissen, wie viele Chancen für eine andere Entscheidung noch bestehen … 

… denn irgendwann springt der Zeiger auf 00:00:01 ….

 

Unterwegs in der Modellregion Kreis Nordfriesland

Unterwegs in der Modellregion Kreis Nordfriesland

(Autorin: Mirja Kahle)

Februar 2020

Endlich wieder Februar, endlich wieder Reisemesse in Hamburg und damit Gelegenheit, quasi vor der Haustür ferne Länder zu besuchen. Die Messehallen füllen sich, Massen von Menschen sind unterwegs und lassen sich zu ihren neuen Traum-Urlaubszielen beraten. Mein Mann und ich haben nächstes Jahr Silberhochzeit und möchten etwas Besonderes erleben, eine Safari vielleicht? Oder die Seidenstraße? Wir nehmen unsere Träume in Papierform mit nach Hause…

November 2020

Deutschland ist im zweiten Corona-Lockdown. Die Pandemie zwingt alles und jeden in die Knie. Unsere Reiseträume liegen jetzt im Keller, ein Stapel bunter Kataloge aus einer anderen Zeit. Zwar sind Fernreisen nicht grundsätzlich unmöglich, aber momentan nicht zu verantworten. Dann halt nicht in 2021, es gibt auch andere schöne Ziele. Vielleicht ist es keine schlechte Idee, erstmal im eigenen Bundesland zu bleiben, bis sich alles zurecht ruckelt.

Wir buchen kurzerhand ein Zimmer in unserem Lieblingshotel auf Föhr. Ein paar Tage Ende April, das muss einfach klappen!

 

März 2021

Die Tage werden länger und die Corona-Uhr tickt. Die Osterferien enden Mitte April; danach sollen neue Lockerungen stattfinden. Sind die Hotels und Ferienwohnungen im eigenen Bundesland dabei? Immerhin dürfen die Menschen nach Malle fliegen…

Interessant ist der Ansatz der wissenschaftlich begleiteten Modellregionen. Die nordfriesischen Inseln setzen schon länger auf die Luca-App zur Kontaktnachverfolgung. Bestimmt wird sich der Kreis bewerben?

 

Freitag, 9.4.2021

Es ist offiziell – der Kreis Nordfriesland ist als Modellregion ausgewählt worden! Nach der ersten Freude folgte aber gleich die Ernüchterung, denn Start ist erst am 1. Mai. Damit ist unsere Buchung für Ende des Monats hinfällig. Schade, ich wäre so gerne ein paar Tage aus der Alltagsmühle herausgekommen, trotz der avisierten Eiseskälte…

 

Montag, 12.4.2021

Glück gehabt! Es gab tatsächlich noch eine Lücke im Buchungskalender und die Fähre hatte auch noch Platz! Jetzt geht es hoffentlich in der Himmelfahrtswoche wissenschaftlich begleitet in die Friesische Karibik! Fernreisen ganz nah…

 

Montag, 26.4.2021

Wir haben elektronische Post von unserem Hotel mit Informationen erhalten, wie das Modell „Urlaub auf Föhr“ umgesetzt werden soll. Da wir noch nicht geimpft sind, müssen wir bei Anreise einen negativen Test vorlegen, der nicht älter als 48 Stunden ist. Nach Anreise müssen wir uns alle 48 Stunden erneut testen lassen, für die Nutzung der Gastronomie auf der Insel sogar alle 24 Stunden. Von unserem Hotel bekommen wir einen QR Code, mit dem das Testen an mehreren Orten auf der Insel ohne Termin kostenfrei möglich ist.

Sicherlich sind das Einschränkungen gegenüber einem „normalen“ Urlaub, wie wir ihn aus längst vergangenen Zeiten kennen, aber mit dieser neuen Normalität kann ich gut leben.

Deshalb habe ich auch gleich für uns zwei einen Termin im Testzentrum im Kirchweg reserviert, damit ist schon einmal unsere Anreise einen Schritt weiter gesichert!

 

Dienstag, 4.5.2021

Draußen stürmt und regnet es. Aber der Wetterbericht prognostiziert ein Ende des Winters im Frühling – endlich! Und pünktlich zum Wochenende! Juhu – friesische Karibik – wir kommen!

 

Sonntag, 9.5.2021

Bei strahlendem Sonnenschein auf Minikreuzfahrt – Herz, was willst du mehr…

Gestern haben wir uns hier in HU noch testen lassen und fahren jetzt auf der Norderaue von Dagebüll nach Wyk. Wir hätten die Möglichkeit, die ganze Zeit im Auto zu bleiben, wollen aber die Zeit gerne in der Sonne an Deck verbringen. Beim Verlassen des Autodecks checken wir uns wie selbstverständlich über die Luca App ein. Die Fähre ist nicht voll – obwohl die Aufenthaltsbereiche innen gesperrt (und die Gastronomie geschlossen) sind, verlaufen sich die Passagiere an Deck.

Da wir Glück hatten und gerade eben noch eine frühere als die gebuchte Fähre erwischt hatten, nutzen wir die gewonnene Zeit und schlendern noch in Wyk zum Strand. Einmal die Füße ins Wasser und dann barfuß hoch zur Promenade, wo in einem Café, draußen in der ersten Strandreihe, ein Tisch frei ist. Wir zücken wieder das Handy (bald behalten wir es gleich in der Hand, nicht nur für die Fotos) und checken uns über Luca ein – ganz einfach! Hier in der Außengastronomie müssen wir unseren negativen Test nicht zeigen; das ist nur für Innenräume nötig, erfahren wir später –  die wollen wir aber gar nicht nutzen. Einmal Waffel mit heißen Kirschen und Friesentee, bitte – es sind oft die kleinen Dinge, die glücklich machen!

Später beim Check-in in unserem kleinen Hotel zeigen wir dann die erforderlichen Tests vor. Ein weiteres Mal müssen wir uns während unseres Aufenthaltes testen lassen, da unsere Gastgeberin den Behörden gegenüber den entsprechenden Nachweis führen muss. Weitere Tests wären die Kür. Innerhalb kürzester Zeit sind auf der Insel 30 Test-„Zentren“  hochgezogen worden. Damit ist es jedem quasi jederzeit und praktisch überall möglich, sich eben mal ohne lange Wartezeit testen zu lassen. Auf Nachfrage erfahren wir, dass die Tests selbst vom Bund bezahlt werden, die Infrastruktur vom Kreis Nordfriesland.

Eine erste kleine Radtour zum Strand in Utersum fällt leider recht kurz aus. Regen zieht auf, und dann wird ein Spaziergang über den Friedhof von Süderende mit den vielen alten Grabsteinen, die Lebensgeschichten und Abenteuer aus einer vergangenen Zeit erzählen, schnell makaber.

Abendessen gibt es – nur für Hausgäste – punkt 19 Uhr in der kleinen Gaststube. Wann bin ich zum letzten Mal Essen gegangen? Die Tische wurden auseinander und in mehrere Räume gerückt, um den vorgeschriebenen Abstand zu halten. Eingecheckt wird, da es eine Gastronomie ist, wieder mit der Luca App. Nur der 24stündige Testnachweis entfällt, da wir Hotelgäste sind. Irgendwie unschlüssig, aber wir alle wollen, dass die Modellregion Erfolg hat, und stellen keine Fragen.

 

Montag, 10.5.2021

In Corona-Zeiten wird das Frühstück am Tisch serviert und nicht als Buffet. Wir können damit leben, gibt es doch trotzdem die volle Auswahl nach Wunsch. Nur ein bisschen Geduld ist erforderlich, da Chefin und Chef alles alleine wuppen…

In Oldsum wird heute von 10 bis 11 Uhr getestet, friesisch gemütlich ohne Anmeldung wegen fehlendem Internet mit einer Schafslänge Abstand zum Vordermann im alten Spritzenhaus gegenüber von Nr. 125 – ganz einfach zu finden. Ein paar Minuten warten, und schon haben wir unseren Pflichttest negativ zertifiziert und können positiv in den Tag starten. Einen Bonbon zur Belohnung gibt es auch!

Mit dem Rad geht’s erstmal hoch an den Deich, vorbei an einem der vielen Luxus-Neubauten, die die Preise auf der Insel – sorry – versauen. Ich habe das Haus gerade auf Immoscout gefunden: Fast 2 Mio Euro werden aufgerufen für einen Ferientraum unter Reet im Irgendwo. Schon die Sylter wissen nicht, wo man auf der Insel noch bezahlbar wohnen kann. Die Föhrer bald auch nicht mehr…

An der Nordsee kommt der Wind meistens aus West. Klar. Außer heute früh. Da kommt er, wie sollte es anders sein, von vorne. Frühstücksfit negativ und voll motiviert treten wir in die Pedale unseres gottseidank motorisierten Zweirads und fahren mit dem nichtvorhandenen Westwind im Rücken zwischen holi-bunten Schafen und ihren Hinterlassenschaften immer am Deich und den Salzwiesen entlang nach Wyk. Das Zentrum lassen wir heute aus und treiben kreuz und quer die Nebenstraßen entlang Richtung Südstrand. Kurz hinter dem Flugplatz ist es wieder möglich, am Strand mit den Rädern zu fahren, erst auf schiefer Ebene über den Deich, später über den Bohlenweg durch wunderschöne Dünen hindurch und am einzigen Weingut  von Föhr (Waalem) vorbei nach Nieblum hinein.


Nieblum ist ein wunderschöner Ort und leider im Gegensatz zu anderen, vielleicht kleineren, wunderschönen Orten auf Föhr ziemlich voll mit Fußgängern, Radfahrern, noch mehr Radfahrern und Autos aus Hamburg (nichts gegen Hamburger, aber das fällt auf!). Pause! Wir freuen uns über einen Nischentisch im Hof der Föhrer Teestube und eine frische Waffel mit leckerem Zimteis. Natürlich haben wir uns wieder über die Luca App eingecheckt, alles schon Routine! Und weiter geht’s, wieder runter ans Wasser zum Surfstrand. Eine witzige Ecke ist das hier, völlig anders als das gestylte Nieblum. Wohnmobile mit der ganzen Garage voller Surfequipment, Surfkleidung und Zubehör zum Verkauf in einem ausrangierten Wohnwagen, ein Kiosk im Holzverschlag mit Kisten und Surfbrettern zum Sitzen und daneben die Surfschule.

Südlich von Witsum mündet die Godel ins Meer. Die Godel ist ein 1-Kilometer langer Bach, der aus dem Zusammenfluss einiger Süßwasserpriele entsteht. Bei Ebbe fließt das Wasser Richtung Nordsee, bei Flut dringt Meerwasser ein und vermischt sich mit dem Süßwasser zu Brackwasser. So ist ein einzigartiges Biotop entstanden, in dem viele, auch vom Aussterben bedrohte Seevögel wie die Zwergseeschwalbe, brüten. Am Strand ist der gesamte Bereich für Fußgänger abgesperrt, und bei Flut, wenn am Strand die Rastplätze schrumpfen, ist die Salzwiese ein Eldorado für Vogelbeobachter.

Ein Stück die Traumstraße (ja, so heißt die südlichste Ost-West-Verbindung mit Blick auf die Perlenschnur der Halligen) entlang und man ist wieder in Utersum. Hohe Dünen säumen hier die Küste, von wo aus die Nordspitze Amrums nur zwei Kilometer Luftlinie entfernt und zum Greifen nah ist. Und endlich kommt auch der Wind wieder, wie er soll, aus West!

Föhr ist die größte echte deutsche Insel ohne Landverbindung. Nach 48 Kilometern haben wir die Umrundung geschafft!

 

Dienstag, 11.5.2021

Heute früh ist keine Sonne zu sehen und der Wetterbericht kündigt auch nichts Schönes an. Kurzentschlossen rufen wir im Museum Kunst der Westküste in Alkersum an und ergattern ein Zeitfenster für einen Besuch ab 12 Uhr. Vorher fahren wir noch schnell nach Wyk zum Testen – den Termin haben wir ja, und wir benötigen einen aktuellen negativen Test als Eintrittskarte (neben der Luca-App) ins Museum. Im Gegensatz zu gestern, wo wir die obligatorische Viertelstunde warteten, können wir uns direkt nach dem Test zum Bummel in die Stadt aufmachen. Das Ergebnis erhalten wir nach 20 Minuten per E-Mail.

Das Museum wurde 2009 von einer alteingesessenen Föhrer Familie gestiftet. Bereits im vorigen Jahrhundert waren in dem ehemaligen Gasthaus, in dem sich nun das Kunstmuseum befindet, Künstler aus Deutschland und Dänemark untergebracht. Heute wird dort Kunst aus den Ländern Deutschland, Dänemark, Norwegen und den Niederlanden zu den Themen Meer und Küste gesammelt, erforscht und vermittelt. Die Ausstellung ist nicht groß, aber interessant. Und durch die geringeren Besucherzahlen macht es Malerei und Fotografie erlebbar. Im Gespräch mit einer der Kuratorinnen erfahren wir so von ihrem Atelier-Besuch bei dem Hamburger Künstler Jochen Hein und seiner speziellen Art der Malerei.

Quasi neben dem Museum gibt es einen sehr netten Hofladen, der Selbstgemachtes, Föhrer Inselkäse und Kuscheliges aus Schafswolle verkauft. Im kleinen Café genießen wir im Strandkorb sitzend, nach dem obligatorischen Einchecken mit der Luca App, Flammkuchen mit Inselkäse und ein kleines Indian Pale Lager vom Biar-Brauhüs, auf der Insel in Borgsum gebraut.

Für ein bisschen Bewegung fahren wir schließlich noch einmal nach Utersum, bummeln am Strand entlang und beobachten Stand-Up-Paddler, Vögel, Wolken und Meer…

 

Mittwoch, 12.5.2021

Die Zeit fliegt am Schnellsten, wenn es am Schönsten ist…

Nach dem Auschecken fahren wir zum Parkplatz nach Dunsum, um von dort aus über den Deich noch einmal ins Sandwatt zwischen Föhr und Sylt  zu gehen. Vorletztes Jahr haben wir dort mit dem Urgestein Heinz-Jürgen Fischer eine Tour zum Kormoransand und den Seehundbänken gemacht, 10 Kilometer Wanderung mitten im Meer. Heinz-Jürgen Fischer wird in 3 Jahren 90 Jahre alt. Selbstverständlich bietet die Insel Föhr auch dieses Jahr wieder regelmäßig lohnenswerte naturkundliche Exkursionen mit ihm an!

Wir trauen uns dieses Mal und alleine nicht so weit hinaus. Ebbe war schon vor eineinhalb Stunden, gestern war Neumond, wir haben Westwind und vor den Stufen hinab ins Watt verläuft ein Priel. So schlendern wir durch das knöcheltiefe Wasser und über Wattflächen auf einer ganz besonderen Safari in der Welt der „Small Five“.

Heute lassen wir uns treiben. Ganz bewusst haben wir erst eine späte Fähre für die Rückfahrt gebucht – wir sind nur drei Nächte hier und morgen ist Feiertag. Noch einmal wollen wir zu den Vögeln an der Godel. Aber die anfänglich noch scheinende Sonne trocknet mit Kraft die nassen Böden und starker Seenebel zieht auf. Schon ist Amrum nicht einmal mehr als Silhouette zu sehen. Die Austernfischer sind nur noch zu hören. Die Wolken wabern wie Wellen an den Strand. Und es wird eiskalt. Dann doch lieber noch einmal nach Nieblum und statt Fischbrötchen einen heißen Latte und eine warme Waffel!

Und plötzlich ist der Spuk vorbei und die Sonne wieder da! Und so verbringen wir den Rest dieses Nachmittags am Surfstrand von Nieblum, wo das Wasser jetzt wärmer ist als die Luft…

Abends, wieder zu Hause in Henstedt-Ulzburg. Ich fühle mich erholt. Die Vorschriften der Modellregion haben mich nicht gestresst. Im Gegenteil, sie haben mir eine gewisse Sicherheit gegeben. Und durch die schiere Zahl der Testzentren waren nicht nur die Wartezeiten kurz, sondern man hatte überall bei Bedarf die Möglichkeit, einmal kurz den Kopf in den Nacken zu legen. Aufgrund der Vorschriften wusste man, dass auf der Insel jeder einen maximal 48 Stunden alten negativen Test vorweisen konnte. Und alle waren gut drauf, jeder, wirklich jeder war freundlich, wartete geduldig, grüßte, lachte. Die Einheimischen waren froh, dass es nach 6 Monaten Schließung endlich wieder los ging. Und die Gäste waren froh und dankbar, dass sie dort sein konnten. Und alle haben das Ziel, dass das Modell Erfolg hat!

Der Kreis Nordfriesland hat heute entschieden, dass die Modellregion am Sonntag vorzeitig endet und in die neue Landesverordnung überführt wird. Damit ändern sich ein paar Vorschriften – so muss der negative Coronatest für die Unterkünfte nur noch alle 72 Stunden erfolgen. So oder so – das Modell ist ein Erfolg!

Ich bin dankbar, dass wir in diesem Mai auf Föhr sein konnten, dass wir ein paar Tage aus dem Alltag heraus konnten. Nicht viele haben das Glück, was es für mich umso kostbarer macht. Ich habe die Hoffnung, dass wir uns dadurch, dass wir zusammenhalten, rücksichtsvoll sind, anderen mit Respekt begegnen und unseren Egoismus zu Hause lassen, schon bald ein Stück weit „Normalität“ erleben werden. Ich freue mich darauf!

Lesen: Ein Grundbedürfnis

Lesen: Ein Grundbedürfnis

(Autorin: Birgit Raguse)

Es ist, wie es ist – die Corona-Pandemie hat alles fest im Griff. So musste schon nahezu alles schließen, bis auf die lebensnotwendigen Geschäfte. Zwar alle nur für einen gewissen Zeitraum, aber die Schließungen wirken sich in der einen oder anderen Art auf jeden aus. Auch die Gemeindebücherei musste in mehreren Etappen schließen, und für die leseaffinen Bürgerinnen und Bürger war das eine wirkliche Herausforderung. Zwar gibt es jede Menge elektronische Angebote, doch nicht jedem liegt das.

Warum analog lesen

Das bringt mich zu der Frage, welche Vorteile haben analoge Bücher eigentlich? Nun, die häufigste Antwort, die auf den Hinweis auf das elektronische Angebot gegeben wurde, ist: „Ich brauche ein Buch in der Hand, ich möchte blättern, ich möchte es riechen.“ Aber wenn man tiefer geht, gibt es da noch wesentlich mehr, sowohl offensichtlich, gefühlsmäßig oder auch erforscht.

  • „Sie starren einen an und wollen gelesen werden.“ Ja, so ein Buch ist wirklich aufdringlich, es zwingt mich zu etwas, zu dem ich gar keine Zeit habe, aber das für mein Wohlbefinden so wichtig ist.
  • „Ich habe eine emotionale Bindung zu dem Objekt in meiner Hand.“ Genau, ich habe einen Schatz in meiner Hand, ich kann umblättern, die Buchstaben sprechen zu mir und meine Gefühle finden zwischen den Seiten Platz.
  • „Es ist einfach da, es steht im Regal, ich kann es ansehen.“ Ein Buch ist ein Objekt, es ist greifbar, und der Inhalt verschwindet nicht durch ein einfaches Wischen oder einen Knopfdruck.
  • „Ich sehe, wieviel ich geschafft habe und freue mich auf das Ende oder befürchte, dass es schnell vorbei ist.“ Ich merke schon, die rechte Seite wird leichter und leichter, und spätestens in zwanzig Minuten darf mich niemand mehr stören, weil ich es jetzt bis zum Ende lesen muss.
  • „Ich kann es einfach besser behalten, wenn ich es in einem gedruckten Buch gelesen habe“. Forschungen haben ergeben, dass es einem Großteil der Menschen leichter fällt, Inhalte aus einem gedruckten Buch präzise zu benennen als aus einem Buch von einem Bildschirm.
  • „Ein Buch gehört einfach unter den Weihnachtsbaum.“ Was gibt es Schöneres, als ein rechteckiges Paket auszupacken und von einem farbenfrohen Cover oder einem spannenden Titel überrascht zu werden, dann die Nase hineinzustecken und die ungelesenen Buchstaben für sich zu entdecken.

Nicht jeder hat die Affinität zu einem gedruckten Buch, aber die Ablenkung durch andere auf dem Bildschirm zu nutzende Dinge wie Spiele oder Online-Shopping ist erwiesen. Das Konzentrieren fällt schwerer, dadurch kann das Lese(durchhalte)vermögen leiden.

 

Hauptsache lesen

Andererseits hat das digitale Lesen auch viele Vorteile. Es wird wieder mehr gelesen auf Reisen, auf den Pendlerfahrten zur Arbeit, da das Mitführen eines E-Book-Readers so viel einfacher ist als den schweren dicken Wälzer oder die großformatige Tageszeitung mitzunehmen. Zudem kann man bis zu 2.000 Bücher dabeihaben, die je nach Stimmung gelesen werden können.

Auch haben Studien ergeben, dass die sich mit dem zusätzlichen Angebot der elektronischen Bücher die durchschnittliche Lesedauer von 35 auf 47 Minuten erhöht hat. Als letztes noch der Hinweis, dass die ursprüngliche Angst, E-Books könnten das analoge Buch vom Markt vertreiben sich nicht bewahrheitet hat. Im Gegenteil, die Verkaufszahlen kehren sich um. Interessant ist, dass dieses Phänomen vor allem auf den belletristischen Bereich zutrifft.

Es gibt also kein Gut und Schlecht. Das Kulturgut Lesen ist ein Grundbedürfnis der Menschen, sei es auf Papier oder auf dem Bildschirm. Und mit Blick auf die Pandemie können wir uns alle freuen, dass es inzwischen elektronische Bücher gibt.

Videokonferenzen – mit „Luft nach oben“

Videokonferenzen – mit „Luft nach oben“

(Autor: Dr. Jochen Brems)

Ich muss schon zugeben: als ich das erste Mal im März letzten Jahres an einem Online-Meeting teilnahm, war ich ziemlich begeistert. Wie leicht das geht! Wieviel Zeit und Aufwand man sich sparen kann! Und wie gut diese Technologie unserer Umwelt tut! Es war ein bisschen so wie mit dem ersten Smartphone, das ich in den Händen hielt. Eine rundherum tolle Erfindung!

Jetzt, 12 Monate und gefühlt 300 Online Meetings später, hat sich meine Begeisterung merklich gelegt. Und auch das ist so, wie mit dem Smartphone: wir müssen uns als Gesellschaft überlegen, wie wir im Alltag mit dieser Technik umgehen wollen – wofür sie gut ist, wie wir uns zu ihr verhalten wollen und wo ihre Grenzen sind. Dafür gibt es natürlich schon längst professionelle Coaches.  Die erklären, wie wir uns richtig in Szene setzen können, welches Licht wir wie einsetzen sollten und was es in Bezug auf die „witzigen Hintergründe“ zu beachten gilt. Und doch gibt es aus meiner Sicht noch „viel Luft nach oben“.

Haarsträubendes Beispiel aus der VHS-Welt: Ein Video-Grußbotschaft unserer geschätzten Vorsitzenden des deutschen Volkshochschulverbandes, Annegret Kamp-Karrenbauer. Die Botschaft war sehr nett und bestimmt auch gut gemeint – aber wir sahen „AKK“ über ihren (wahrscheinlich privaten) Laptop gebeugt, mit schemenhaft dunklem Gesicht, wackligen Bild und verzerrten Proportionen. Zu ihrer Ehrenrettung sei gesagt: heute macht sie das deutlich besser – da war dann wohl tatsächlich ein Coach am Werk. Geblieben sind diese Phänomene aber bis heute. Es gibt keine Videokonferenz an der ich teilnehme, bei der es keine dunklen Gesichter gibt, Leute vergessen, das Mikro stummzuschalten,  während sie ihr Mittagsmüsli schlürfen oder ganz deutlich zu erkennen geben, dass sie gerade etwas ganz anderes machen. Ich könnte mir vorstellen, dass wir in 10 Jahren alte Aufzeichnungen unserer Konferenzen gucken und mit dem Kopf schütteln.

Und doch sind die Videokonferenzen ein Segen in diesen Corona-Zeiten! Und was hätten wir bisher ohne sie gemacht? Wir müssen halt alle ein bisschen üben, und das dürfen wir auch! So, wie mit den Smartphones. Ich erinnere mich daran, dass in der Anfangszeit viele Menschen während einer Sitzung damit beschäftigt waren, unaufhörlich in ihr Handy zu tippen. Wer als Sprecher Aufmerksamkeit erregen wollte, musste sie sich halt erstmal verdienen. Das ist heute anders. Wir haben gemerkt, dass das einfach unhöflich ist und lassen es weitgehend sein. Ähnlich wird es sehr wahrscheinlich auch bei den Videokonferenzen sein. Da werden wir uns vermutlich auch vermehrt fragen, welchen Eindruck wir bei den anderen erzeugen wollen. Gute Beispiele gibt es auch dafür genug! Ich finde es gut, wenn sich die Teilnehmer in meinem privaten Literaturkreis vor einer prallgefüllten Bücherwand positioniert haben oder wenn sich unser Verbandsdirektor gut ausgeleuchtet vor einem großen Landesverband-Aufsteller an uns wendet. Ja, ich weiß, das kann man konservativ finden und mich als formverliebten „Dino“ sehen, aber ich freue mich trotzdem darüber, dass ich das hier einfach mal schreiben darf.

Ach ja, und wenn ich schon mal dabei bin: Ich schlage vor, dass es auch bei einem privaten Meetings eine Person gibt, die die Moderation übernimmt. Die (sehr große) Familie meiner Frau mag es z. B., sich an Geburtstagen mit vielen Menschen zu einer Online-Konferenz zu treffen. Da gilt dann die Regel: wenn Du etwas sagen möchtest, dann musst Du Dich eben durchsetzen! Mhm, gut, aber wie wichtig ist es eigentlich, was ich den anderen gerade mitteilen möchte? Auch da bin ich ein bisschen old-fashioned und finde es deutlich netter, wenn jemand das Fragen übernimmt.

Es bleibt aber dabei, dass Videokonferenzen viel dazu beitragen, dass wir uns in diesen Zeiten nicht aus den Augen verlieren. Schön, wenn wir die kleinen noch offenen Herausforderungen annehmen und die Technik so einsetzen, dass die Begeisterung wieder mit voller Kraft von uns Besitz ergreifen kann!

Ganz liebe Grüße an alle von
Jochen Brems